Eine Berlinerin im Exil.

Saturday, March 18, 2006

Update

24.2. - 1.6.2006

Die Zeit ist vergangen und ich habe völlig vergessen darüber zu schreiben. Der Frühling ist gekommen, es ist warm geworden, die Bäume vor meinem Fenster sind grün. Am Wochenende fahren in den Wald, ich habe eine Leidenschaft für das Kochen enttdeckt und suche nach neuen Rezepten im Internet. Die Arbeit türmt sich auf meinem Schreibtisch aber ich fürchte mich nicht vor ihr. Entspannt wechsel ich zwischen schreiben, malen, kochen und lesen hin und her. Man könnte sagen, ich bin glücklich wie nie zuvor. Nicht nur, weil es hier so schön ist, weil ich die Strasse hochschaue und den Taunus sehe, weil es Frühling ist, ich gesund bin, es ist viel einfacher, es ist das stille Dasein. Die Ruhe und Klarheit, die diese Stadt ausstrahlt.
Die Tage verbringe ich alleine am Schreibtisch oder auf dem Balkon. Von Einsamkeit keine Spur. Alle zwei Wochen kommt Besuch aus Berlin, Eltern, Freunde, Verwandte.
Mein Bruder ist aus Brasilien zu Besuch. Ich habe ihn auf einen Kaffee am Flughafen Frankfurt getroffen, kurz nach seiner Ankunft.
Kai hat sich entschieden, den Job beim ZDF weiterzumachen, das Probehalbjahr geht dem Ende zu, wir werden bleiben. Berlin ist um die Ecke, viel zu oft fahre ich hin und her. Dann bricht die Stadt über mir herein, frisst mich für eine kurze Weile auf, bis ich mich wieder freiwinden und zurück in den stillen Ort im Taunus flüchten kann.

Wochenende

25.-26.2.2006
Alles Scheisse.

Miles

20. - 24.2.2006 Achte Woche
Zurück in Wiesbaden. Die schöne neue Wohnung ist trostlos und bedrückend. Die Sonne scheint nicht, ich bin fremd hier. Was soll das hier. Es geht mir richtig dreckig. Wir streiten uns zuhause, ärgern uns übereinander. Kai geht zur Arbeit, ich sitze zwischen den Kisten, einsam und ratlos. Warum haben wir das getan? Warum sind wir hierhergezogen? Wie um himmelswillen konnte das passieren. Wie bescheuert sind wir eigentlich? Was wollen wir hier? Warum? Ich komme nicht dahinter. Kann dem ganzen Scheiss hier nichts abgewinnen. Versinke immer tiefer in einem bodenlosen Morast aus Traurigkeit. Ich habe alles zurückgelassen, alle Freunde, meine Infrastruktur, mein Leben. Alles. Warum eigentlich? Wofür eigentlich? Hier ist es Langweilig. Spiessig. Provinziell.
Am anderen Ende der endlosen Woche bastel ich mich zusammen und gehe in das Anarcho-Syndikalisten Kaffee um die Ecke. Dort bestelle ich den lausigsten Kuchen meines Lebens zusammen mit dem stärksten Capuccino, den je eine Kaffeemaschine hervorgebracht hat. Der Kuchen ist so etwas ähnliches wie ein klumpiger Schokoladen Pudding ohne Zucker, den man auf ein ungetoastetes Toastbrot geschmiert hat. In drei Lagen. Es läuft Miles Davis, ich schwelge in Wehmut. Dazu schreibe ich in mein Notizbuch. Mache meine Hausaufgaben. Am Tresen steht eine Frau und redet so laut, dass sie fast schreit. Miles spielt tapfer weiter. Versucht die Stimmung zu halten. Die Frau ist sehr aufgebracht. Streitet mit dem Mann am Tresen. Und weil ich nicht gegen sie andenken kann, schreibe ihre Worte mit: "Mir reichts jetzt hier! Ich will hinaus in die Welt. Irgendwann komme ich bestimmt mal wieder, vielleicht in zehn Jahren. Mir reicht es hier in diesem Provinznest. Ich will nach Berlin. Ich will was erleben." Die Frau sagt alles, was ich ganz sicher nicht hören will. Es geht mir schlagartig besser. Trotz wahrscheinlich. Soll sie doch nach Berlin. Ich werde hier glücklich werden. Zumindest für ein paar Jahre, vielleicht. Der Mann am Tresen (ob er wohl diesen Kuchen gebacken hat?), legt eine zu der Frau passendere Musik auf: Punkrock. Ein harter Cut. Einige der Gäste zahlen und gehen, einige gehen einfach so. Ich werde für lange Zeit nicht wiederkommen. Montags hat das Cafe geschlossen und es ist immer Montag, wenn ich davor stehe und einen neuen Versuch wagen möchte.

Berlin ohne Eltern

13.-18.2.2006 Siebte Woche
Berlinale. Ich bin dann doch hingefahren. Berlin ohne Vater und Mutter. Sie sind beide nach Brasilien gefahren, um meinen Bruder zu besuchen. Unabhängig voneinander. Das muss hier nochmal betont werden. Sie sind seid 20 Jahren getrennt und seit einem Jahr oder so geschieden. Sie sind im Abstand von zwei Wochen geflogen und treffen sich jetzt zufällig in Curitiba. Ich bin hiergeblieben. Ich bin wiedergekommen. Nach Good old Berlin. Die Stadt ist grösser, fremder, gefährlicher ohne die Familie. Die Wohnung meiner Mutter ist kälter, leerer, ich bin so alleine. Minusgrade unter 10. Eine feindliche Aussenwelt. Ich traue mich nicht aus dem Haus. Überall Verbrecher, Vergewaltiger und Gangfights. Alle tragen Waffen, haben böse Gedanken. Ich sehne mich nach dem netten Städtchen im Taunus. Dorthin, wo die Welt noch in Ordnung ist. Die Berlinale trägt mich von einem Termin zum Anderen, Menschenmengen schieben mich herum, betatschen und verschlucken mich, spucken mich wieder aus.
Meine Termine sind knapp. Ich gebe Audienzen im Cafe. Stundentakt. Schnelles Leben. Viel Kaffee, viel Gerede. Wenig Atem. Gegen ende der Woche breche ich die Berlinale ab und werde privat.

Räumen

6.2.-10.2.2006 Sechste Woche
Räumen. Ikea - kotz. Räumen, einkaufen. Baumarkt. Schrauben. Putzen. Bohren. Räumen.