Miles
20. - 24.2.2006 Achte Woche
Zurück in Wiesbaden. Die schöne neue Wohnung ist trostlos und bedrückend. Die Sonne scheint nicht, ich bin fremd hier. Was soll das hier. Es geht mir richtig dreckig. Wir streiten uns zuhause, ärgern uns übereinander. Kai geht zur Arbeit, ich sitze zwischen den Kisten, einsam und ratlos. Warum haben wir das getan? Warum sind wir hierhergezogen? Wie um himmelswillen konnte das passieren. Wie bescheuert sind wir eigentlich? Was wollen wir hier? Warum? Ich komme nicht dahinter. Kann dem ganzen Scheiss hier nichts abgewinnen. Versinke immer tiefer in einem bodenlosen Morast aus Traurigkeit. Ich habe alles zurückgelassen, alle Freunde, meine Infrastruktur, mein Leben. Alles. Warum eigentlich? Wofür eigentlich? Hier ist es Langweilig. Spiessig. Provinziell.
Am anderen Ende der endlosen Woche bastel ich mich zusammen und gehe in das Anarcho-Syndikalisten Kaffee um die Ecke. Dort bestelle ich den lausigsten Kuchen meines Lebens zusammen mit dem stärksten Capuccino, den je eine Kaffeemaschine hervorgebracht hat. Der Kuchen ist so etwas ähnliches wie ein klumpiger Schokoladen Pudding ohne Zucker, den man auf ein ungetoastetes Toastbrot geschmiert hat. In drei Lagen. Es läuft Miles Davis, ich schwelge in Wehmut. Dazu schreibe ich in mein Notizbuch. Mache meine Hausaufgaben. Am Tresen steht eine Frau und redet so laut, dass sie fast schreit. Miles spielt tapfer weiter. Versucht die Stimmung zu halten. Die Frau ist sehr aufgebracht. Streitet mit dem Mann am Tresen. Und weil ich nicht gegen sie andenken kann, schreibe ihre Worte mit: "Mir reichts jetzt hier! Ich will hinaus in die Welt. Irgendwann komme ich bestimmt mal wieder, vielleicht in zehn Jahren. Mir reicht es hier in diesem Provinznest. Ich will nach Berlin. Ich will was erleben." Die Frau sagt alles, was ich ganz sicher nicht hören will. Es geht mir schlagartig besser. Trotz wahrscheinlich. Soll sie doch nach Berlin. Ich werde hier glücklich werden. Zumindest für ein paar Jahre, vielleicht. Der Mann am Tresen (ob er wohl diesen Kuchen gebacken hat?), legt eine zu der Frau passendere Musik auf: Punkrock. Ein harter Cut. Einige der Gäste zahlen und gehen, einige gehen einfach so. Ich werde für lange Zeit nicht wiederkommen. Montags hat das Cafe geschlossen und es ist immer Montag, wenn ich davor stehe und einen neuen Versuch wagen möchte.

1 Comments:
Liebste Cousine,
nun bist Du schon ein Weilchen in Wiesbaden und fragst Dich, so will es mir jedenfalls den Anschein haben, wo Du hier gelandet bzw. gestrandet bist. Und um nicht viel Worte zu verlieren, hier bist Du gelandet bzw. gestrandet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wiesbaden
Eine reichhaltige, geistig fast nahrhafte Seite, die Dir den Sinn und Unsinn dieser Stadt näher bringen wird. So erfährst Du beispielsweise, daß der US-amerikanische Tennisspieler John McEnroe hier einst geboren wurde, oder daß hier der russische Schriftsteller Dostojewski sein ganzes Geld verspielte (und eben nicht in Baden-Baden). Umstände, die Dir dieses süße Städtchen in einem völlig anderen Lichte präsentieren. Du siehst, es lohnt sich durchaus, hier zu leben, hier zu atmen, hier zu schreiben und zu bleiben. Auch reiben sich in unserer Stadt die Wildschweine Rücken an Rücken, zumindest taten zwei unvorsichtige Exemplare dieser Tierart genau dieses kürzlich in der Mainzer Innenstadt, was zur Folge hatte, daß eines auf der Kaiserstraße von einem Auto erfaßt und flugs an Ort und Stelle verstarb, während das andere in der Hindenburgstraße – dort verbrachte ich bis zur Vollendung des 10. Lebensjahres immerhin meine Kindheit – sein Leben hingab, weil: von der Polizei kurzentschlossen erschossen. Es gibt also genügend Gesprächsstoff, dies nur, falls Du mal wieder etwas zu lange bei ALDI, LIDL, PENNY oder Feinkost Feickert an der Kasse stehen solltest. Denn die Frage ist doch: Wo kamen die Wildschweine her? Und wohin wollten sie gehen? Es gibt da verschiedene Theorien. Theorien, die uns zu verstehen geben, daß wir eben nicht alles verstehen. So seyen besagte Schweinchen von der Wiesbadener Seite unerkannt durch den Rhein auf die Mainzer Seite geschwommen. Durch den Rhein! Ganz schön viel Aufwand, um sich anschließend einer höchst personenbezogenen Leibesvisitation zu unterziehen. Aber das ist längst noch nicht alles. Denn die Frage ist doch: Können Schweine Personen bzw. personenbezogen sein? Und: Was würden die vielen Politessen, die hier ihr wahrlich unredliches Unwesen treiben, dazu sagen? Welche Antwort würden sie in ihr elektronisches Notizheftchen eingeben? Du siehst, liebste Cousine, der Konstruktive-Prozeß-Des-Sich-Einlebens geht für Dich erst richtig los. Deshalb lautet die einzig richtige Antwort: „Ich bleibe solange hier, bis ich aus der Sache schlau geworden bin. Und wenn es das letzte ich, was ich tue!“ Übrigens säßest Du mit vielen hennaungenaugefärbten WiesbadenerInnen in ein und demselben Stadtlinienbus: Laut einer unbestätigten statistischen Erhebung sind mehr als 50% der EinwohnerInnen von Wiesbaden älter als 65. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind...
Im Schwarzmeerflottenbereich hingegen soll vor einiger Zeit ein Fischkutter etwas unglücklich von einer heiter aus dem Himmel gefallenen Kuh versenkt worden sein. Recherchen haben ergeben, daß das wahr ist. Du siehst, überall ist mehr los als wie hier!
Und was ist eigentlich mit Berlin? Seit Jahr und Tag dringt keine einzige wehrmachtsunanständige Meldung mehr durch die feindlichen Luftschutzlinien. Mein Großvater klappert im Hintergrund schon ganz unruhig mit seinen Zähnen. Ich muß schließen, offensichtlich Zeit für seine Schnabeltasse...
Viele liebe Grüße
von Deinem Cousin
Andreas
Ach, übrigens: Der russische Fischkutter wurde nur deshalb von einer aus dem Himmel fallenden Kuh versenkt, weil auch russische Soldaten Hunger haben, aber keinen richtigen Sold, um diesen artgerecht stillen zu können. So gebrauchen sie gelegentlich die ihnen zugeteilten Flugzeuge, und laden damit das eine oder andere Stück lebensbejahende Rind direkt von der Weide zu einem Weiterbildungsrundflug in die Lüfte ein. In diesem Falle wurden die wißbegierigen aber höchst flugungeübten Tierchen an Bord etwas unruhig, und wurden somit von den noch unruhiger gewordenen und nicht ganz so fortbildungswilligen russischen Soldaten in einem Anfall von übergeordneter Spontaneität ohne Umschweif direkt ihrem persönlichen Schicksal nebst freiem Fall übergeben. Besagte Kuh durchschlug zunächst das Deck, sodann den Rumpf und dürfte sich im Rahmen dieses unerwarteten Selbstfindungsprozesses das Genick gebrochen haben. Der Fischkutter sank in nur wenigen Minuten auf hoher See.
Für Dich und mich definitiv die spannendere Geschichte als wie die mit den Wildschweinen. Einerseits. Andererseits ist unser beider Halbwertszeit in der russischen Wildnis viel zu eindeutig vorhersehbar. In Wiesbaden hingegen gibt es die vielen und guten und viel zu heißen Thermen. Und in denen badeten bereits die vielen und guten und viel zu heißen Römer. Und die sollten es schließlich wissen, nicht wahr?
P.S.: „als wie“ ist eine typisch hessische Sprachspezialität, die nicht jedermanns Sache ißt.
4:38 PM
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