Aus einem Blut
16.1.- 20.1.2006 Dritte Woche
Wie habe ich es nur so lange in Berlin ausgehalten? Ich werde nie wieder dorthin zurückkehren. Ganz bestimmt nicht. Was für eine anstrengende Stadt, all die gehetzten Menschen, die schlechte Luft, der graue Winter. Hier in Wiesbaden wird es sehr viel früher Frühling hat man mir versichert. Die Nähe zu Frankreich. Man nennt es auch das Nizza des Nordens. So sieht es auch aus. Wunderschön. Verliebt in meine neue Stadt wandel ich umher, Stadtbesichtigung, Erkundungstour. In der Altstadt habe ich ein altes Cafe entdeckt, wo es eine köstliche Linsensuppe gibt. Kaffee Moldana oder so ähnlich. dort sitzen sie alle. Pelzbehangene Millionärswitwen, Operierte Prostituierte, Kurgäste, Senioren, Schüler, Latexcowboys und ich. Von jetzt an täglich. Ich bin Zuschauer, Publikum und zugleich auf dem Weg dazuzugehören.
Beim Sortieren meiner Adressen habe ich festgestellt, dass ich Verwandte in Wiesbaden habe. Einen Cousin zweiten Grades. Ich nehme Kontakt zu seinen Eltern auf, die ich zumindest telefonisch schon kennengelernt habe. die Beiden möchte ich gerne bald mal treffen und freue mich über die Gelegenheit ihnen mitzuteilen, dass ich jetzt ganz in der Nähe wohne. Er ist Kunstsammler und stellt hin und wieder seine Sammlung aus. Und ihr Sohn? Wohnt der Andreas denn noch in Wiesbaden, frage ich vorsichtig. Er ist vor zwei Jahren aus London nach Wiesbaden zurückgezogen. Das klingt erstmal ganz interessant. Ich lasse mir die Telefonnummer geben.
Am Abend habe ich eine Nachricht auf der Mailbox. Mein Cousin. Er teilt mir mit, dass er jetzt erst mal schlafen muss und mich morgen wieder anruft. Ich komme ihm zuvor und wir verabreden uns für später, nach meiner nächsten Wohnungsbesichtigung.
Was ist das wohl für ein Typ, denke ich. Ein Verwandter, immerhin, aber deswegen müssen wir uns ja nicht gleich gut verstehen. Wahrscheinlich so ein spiessiger Anwalt oder so. Ich versuche ihn mir vorzustellen, grauer Anzug, kleine Brille, eigentlich ganz nett aber mit einem kleinen Horizont. London spricht dagegen. Wie lange er wohl dort war? Er sagt, er trägt einen blauen Mantel mit gelben Streifen. Ein Sportsfreak. Bestimmt so eine Sportlerjacke in grellen Farben. Ein sportlicher Anwalt. Ach egal, man kann ja mal einen Kaffee zusammen trinken.
Im Cafe Chat D'Or warte ich auf ihn. Che Guevara an der Wand. Es erinnert an das Cafe neben meiner Schule, die Räume haben den gleichen Grundriss.
Er kommt.
Zwei Meter gross, bodenlanger, leuchtend blauer Frotteemantel, schulterlange, abstehende Haare. Ein Künstler.
Wir begrüssen uns verwirrt. Guten Tag, Herr Cousin, hallo Cousine.
Der Kaffee ist gut, das Croissant unter aller Sau. Wir fangen an zu reden. Erst zaghaft, dann immer intensiver. Wir wechseln das Cafe, laufen durch die Innenstadt, gehen zum Türken Mittagessen, dann ins Moldana, dann zu Fuss.
Es wird spät. Stunden später. Fünf Stunden später. Wieder zuhause angekommen versuche ich zu sortieren, wie das passieren konnte. Wie konnten wir uns nur so viele Jahre nicht begegnet sein. Ich meine, wir sind doch verwandt. Aus einem Blut.

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