Abschied von Berlin
1.1.2005
Schwere Vereisung der Autobahn verhindern die Abreise. Wir sind eh noch nicht fertig damit, unsere Sachen zu verpacken und in einem Zimmer unserer alten Wohnung unterzustellen. Die Abfahrt wird auf den nächsten Tag verschoben. Bis Nachts um drei packen wir Kisten für den Umzug.
2.1.2006
Der Fox Polo wird bis unter das Dach vollgestopft, wir laden mehrmals alles wieder aus, bis es passt, dann noch einmal zurück in die alte Wohnung. Irgendwie Abschied nehmen von den letzten fünf Jahren, von Berlin, von unserer WG und alledem. Ich gehe in die leere Küche. Kai versucht unten auf der Strasse immer noch die Sachen im Polo zu verstauen. Ich setze mich in die Küche. Auf den Boden, dorthin, wo bis vor ein paar Tagen noch der Küchentisch stand. Abschied. Pah. Ich will schnell weg. Schnauze voll von Berlin. Schnell weg, endlich, nach dreissig Jahren. Bin hier aufgewachsen, in den Kindergarten gegangen, in die Schule, in alles. Habe hier mehrere Leben verbracht.
Meine Eltern wohnen hier, fast alle Freunde, alle Erinnerungen. Schnell weg. Die letzten Jahre in Schöneberg waren anstrengend. Viel Arbeit, die Wohnung ein Bahnhof, alle kamen und gingen. Ich hatte keine Ruhe zum Schreiben. Träume davon endlich wieder ein eigenes Atelier. Meine Ruhe. Ich werde Romane schreiben, denke ich mir.
Mein (ehemaliger) Mitbewohner kommt von seiner Sylversterparty nach Hause. Sylvester ist schon zwei Tage her, denke ich. Er setzt sich zu mir auf den Fussboden, die Pupillen Tellergross vom LSD. Ich bin von Kreuzberg bis hier her gelaufen, sagt er. Es war wunderschön. Ganz schön kalt, sage ich. Schneelandschaft. Seit Weihnachten liegt alles unterm Schnee.
Auf Wiedersehen, wir fahren. Eingequetscht im Polo quer durch Deutschland. Göttingen, über die Kassler Berge, Frankfurt und dann unsere neue Heimat - Wiesbaden. Wir freuen uns auf unser neues Leben. Fahren durch die neue Stadt, rufen Ah und Oh, alles so schön hier. Und der Wald, und der grosse Fluss und all das.
Der Thailänder wo wir kurz vor Feierabend noch was zu essen bekommen, schaut uns erstaunt an, aus Berlin kommen ihr? Er könnte sich nicht vorstellen, dass man dort Leben kann. Bei der Vergangenheit, den ganzen Toten, die dort im Krieg gestorben sind. Er würde ja auch nicht nach Hiroshima ziehen. So eine schlechte Energie. Er würde solche Orte grundsätzlich meiden. Wiesbaden ist okay, hier haben sie nur ein paar Bomben abgeworfen. Harmlos. Die Amerikaner haben Wiesbaden gleich als Headquarter ausgewählt und deswegen weitestgehend erhalten.
Wir sind ganz erleichtert aus Berlin wegzusein, weit weg von den schlechten Energien im heilen Wiesbaden. Hier wird alles gut. Hier werden wir gesund leben.

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